„Das will ich jetzt versuchen…“ – Zum 100. Geburtstag von Kaplan Herbert Simoleit


(Kaplan Herbert Simoleit 1908-1944)

Im Jahr des einhundertjährigen Jubiläums der Weihe unserer Pfarrkirche Herz Jesu ist es angemessen, einen Blick in die Geschichte unserer Pfarrei zu werfen. Unter den vielen bemerkenswerten Seelsorgern und bedeutsamen Mitgliedern der Pfarrgemeinde nimmt Kaplan Herbert Simoleit sicher eine herausragende Stellung ein. Am diesjährigen Fronleichnamstag, dem 22. Mai, wäre sein 100. Geburtstag. Ein schöner Zufall gerade in diesem Jahr des Kirchweihjubiläums? Ein Zeichen des Himmels? Auf jeden Fall ein Grund mehr, noch einmal auf diesen Zeugen des Glaubens aus unserer Pfarrei hinzuweisen und ihn vor dem Vergessen zu bewahren.
Simoleit wurde als zweites Kind einer Katholikin und seines evangelischen Vaters in dem damaligen Berliner Vorort Steglitz geboren. Die Konfessionsverschiedenheit der Eheleute führte, besonders was die Erziehung der Kinder betraf, zu Spannungen im Familienleben. Da ihr Mann gegen eine katholische Taufe der Kinder war, wagte es die Mutter erst im Oktober 1912 die inzwischen sechs- und vierjährigen Söhne Gerhard und Herbert zusammen mit der gerade geborenen Schwester ohne Wissen des Mannes in der Steglitzer Rosenkranzkirche taufen zu lassen. Die Zeit zwischen seinem siebten und neunzehnten Lebensjahr verbrachte Herbert Simoleit im ostpreußischen Insterburg, wohin die Familie zwischenzeitlich gezogen war und wo er auch zunächst einen kaufmännischen Beruf erlernt hatte. Zurück in Berlin, siedelte die Familie sich nun auf dem Pfarrgebiet von Herz Jesu an. Schon in Ostpreußen hatte sich der junge Mann als talentierter Jugendleiter bewiesen. Diese Begabung brachte er nun auch in die Jugendarbeit seiner neuen Zehlendorfer Pfarrei ein. Bestärkt durch Kaplan Karl Moritz, reifte in Herbert Simoleit schließlich der Entschluß, Priester zu werden. Zunächst musste er das Abitur nachholen und Kenntnisse in den alten Sprachen erwerben. Schließlich konnte er durch die finanzielle Unterstützung seiner Mutter und seiner Tante sein Theologiestudium in Fulda absolvieren. Am 25. März 1939 wurde er in der Berliner St. Hedwigskathedrale zum Priester geweiht. Seine Primiz feierte er wenig später bei uns in Herz Jesu. Die erste Anstellung als Kaplan führte ihn nach Greifswald. Dort war Dr. Alfons Maria Wachsmann sein Pfarrer, zu dem er ein leicht gespanntes Verhältnis besaß. Zwei Jahre später wurde er an die Stettiner Propsteipfarrei St. Johannes versetzt. Dort galt seine Sorge besonders den in Stettin und Umgebung stationierten Wehrmachtsangehörigen. Im November 1943 übernahm Kaplan Simoleit die kleine, neu errichtete Seelsorgestelle Stettin-Braunsfelde, die bis dahin zur Propstei gehört hatte. Hier lud er nun wöchentlich Soldaten zu Gesprächskreisen zu Fragen des katholischen Glaubens ein. Auch sein Mitbruder Pater Friedrich Lorenz, der später das Schicksal von Kaplan Simoleit teilen sollte, nahm oft an dieses Treffen teil. Natürlich ging es bei diesen Treffen vor allem um Fragen, die die Soldaten besonders beschäftigten: die jenseits der NS-Siegesparolen verfügbaren Informationen über den tatsächlichen Stand des Krieges, vor allem in Stalingrad, die kursierenden Gerüchte über die Verbrechen der SS an den Juden und sicher auch ganz praktische Probleme der jungen Wehrmachtsangehörigen. Im Herbst 1942 schließlich schloß sich dem Kreis ein junger Österreicher an, der sich – als Ingenieur angeblich dienstverpflichtet, in Wirklichkeit ein Spitzel der Gestapo – in katholischer Frömmigkeit und Gegnerschaft zum Nationalsozialismus hervortat. Er gewann das Vertrauen von Kaplan Simoleit, der ihm freimütig seine schweren Bedenken bezüglich der NS-Ideologie eröffnete. Nach jeder Sitzung fertigte Spitzel „Hagen“ Protokolle an, die schon im Frühjahr 1943 zu insgesamt 40 Verhaftungen führten. Jetzt begann für Simoleit die eigentliche Leidenszeit. Zunächst Untersuchungshaft in Stettin. Für die verhafteten Geistlichen wurde im Gegensatz zu den anderen Inhaftierten verfügt, dass ihre Prozesse vor dem Reichskriegsgericht zu verhandeln seien. Im November 1943 sollte Simoleit in einem Prozeß gegen seinen früheren, inzwischen verhafteten Pfarrer Dr. Wachsmann aus Greifwald aussagen. In den Verhören hatte er teilweise die Nerven verloren und Wachsmann belastet. Nun aber weigerte er sich allerdings auszusagen, was ihm und den anderen Priestern in Stettin verschärfte Haftbedingungen einbrachte. Am 24.7.1944 schließlich findet der Prozeß gegen Kaplan Simoleit, Prälat Lampert und Pater Lorenz statt. Reichkriegsgerichtsrat Werner Lueben scheint den Angeklagten wohlgesonnen, lässt er doch in der Verhandlung verlauten, „ihre einzige Tragik sei, dass sie katholische Priester sind.“ Am 28.7. werden die Todesurteile über die drei Priester verhängt. Lueben fehlte allerdings an diesem Tag bei Gericht: Er hatte sich in der Nacht zuvor das Leben genommen, um nicht die Todesurteile mit unterschreiben zu müssen. Wegen eines Formfehlers – der fehlenden Unterschrift von Lueben – wir das Urteil aufgehoben, doch im September kommt es zur erneuten Verhandlung und zur Verhängung der Todesstrafe. Am 13.11.1944 um 16 Uhr endet das Leben von Kaplan Herbert Simoleit auf dem Schafott in Halle. Die Asche der Hingerichteten konnte auf dem Gertraudenfriedhof in Halle in einem Massengrab für die bei den Luftangriffen Verstorbenen „beigesetzt“ werden.
Kaplan Simoleit starb im Alter von 36 Jahren. Obwohl er während der Haft mehrmals völlig zu verzweifeln schien, hat er offensichtlich am Ende weder seinen Glauben noch seine Standhaftigkeit verloren. Auskunft darüber gibt sein Abschiedbrief an seine geliebte Mutter:

„Jetzt wollen wir vom Vater nehmen, was er uns auferlegt, das Kreuz seines geliebten Sohnes. ‚Wer mein Jünger sein will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.’ Das will ich jetzt versuchen(…) Auf Wiedersehen dort, wo alle Tränen versiegen, auf Wiedersehen bei unserem himmlischen Vater. Maria, die unter dem Kreuze ihres Sohnes stand, steht bei mir und hilft meiner Schwachheit (…)“

Vielleicht kann das Zeugnis für Christus, das dieser Mann gegeben hat, uns in diesem Jahr des Jubiläums Trost, Ermutigung und Stärkung für die Zukunft unserer Pfarrei sein.

Nach: Ursula Pruß, Art. Kaplan Herbert Simoleit, in: Zeugen für Christus, Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts, hrsg. von Helmut Moll, Paderborn 2001, 110-113.

4 Antworten

  1. [...] Am 13. November jährt sich zum 65. mal die Ermordung von Kaplan Simoleit und weiteren zehn Männern. Sie – darunter drei Geistliche -  hatten sich über das NS-Unrechtsregime, die Verbrechen und den drohenden Untergang ausgetauscht. Deshalb wurden sie – im Fall von Kaplan Simoleit nach 22 Monaten Haft mit schweren Folterungen – wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilt und mit dem Fallbeil in Haale a.d.S. hingerichtet (s. ausführl. hier). [...]

  2. warum wird dir famille nicht benachichtigt das solche veranstaltung gibt?
    danke

  3. warum wird bei solche veranstaltung die famille nicht eingeladen oder benachichtigt?

  4. Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie Kontakt mit uns aufnehmen können. Sehr gern wollen wir mehr über unseren Priester erfahren und laden Sie ein, uns zu berichten. Bitte melden Sie sich im Pfarrbüro (s. Kontakt).
    Joachim Voigt-Salus

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