Die Predigten unseres Kardinals zu einem 100. Kirchweihjubiläum beginnen oft mit dem Hinweis, daß einhundert Jahre im Verlauf der Kirchengeschichte eigentlich keine lange Zeit seien, für die junge Kirche von Berlin aber – zumal in bewegten Zeiten – eine bemerkenswerte Zeitspanne darstellten. Verglichen mit den langen und bemerkenswerten Traditionen der katholischen Kirchen – in Süddeutschland etwa – nehmen sich einhundert Jahre Herz-Jesu-Kirche in Zehlendorf in der Tat bescheiden aus. Die einhundertjährige Geschichte eines Gebäudes, das im christlichen Bereich nie ohne den Bezug zum „geistigen Bau aus lebendigen Steinen“ (1 Petr 2,5) gesehen werden darf, kann von verschiedenen Blickwinkeln aus betrachten werden: von der Architektur oder der Soziologie her, unter politischer, ökonomischer, kunstgeschichtlicher und kirchenrechtlicher Hinsicht, aber vielleicht auch aus der geistlich-theologischen Perspektive. Eine christliche Kirche vor Ort, also eine Gemeinde ist ihrem katholischen Verständnis nach ein dauerhafter Zusammenschluß von Getauften, errichtet vom Bischof unter der Leitung eines Pfarrers.
Der Gedanke, daß Gott sich ein Volk aus konkreten Menschen an einem bestimmten und benennbaren Ort sammelt, verweist uns weit in die Frühzeit der Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen. In der Sammlung Israels aus den Völkern und in der Formung eines auserwählten Volkes Gottes besteht geradezu die Pointe alttestamentarischer Theologie: „[Der Herr] wird sich deiner erbarmen, sich dir zukehren und dich aus allen Völkern sammeln. […] Und wenn einige von dir bis ans Ende des Himmels versprengt sind, wird dich der Herr, dein Gott, von dort sammeln, von dort wird er dich holen.“ (Dtn 30,3f.) Jesus stellt später seinerseits die Verkündigung des Reiches Gottes genau in den Dienst dieser Sammlungsbewegung: „Und Jesus wählte aus ihnen zwölf aus, die er auch Apostel nannte.“ (Lk 6,13) Die Sammlung der Jünger und die Lebens- und Liebeshingabe Jesu an die Erwählten, konstituiert wiederum eine Gemeinschaft von Brüdern uns Schwestern, die wir Kirche (griech.: εκκλησία – die Herausgerufene) nennen. Diejenigen, die Jesu Heilstat je neu an sich geschehen lassen, tun dies vor allem in der konkreten gottesdienstlichen Versammlung, in der so der Existenzvollzug der Kirche geschieht. Nirgendwo ist eine Gemeinde so sehr sie selbst, wie wenn sie sich zur Feier des Gottesdienstes von Gott versammlen und ihn an sich handeln läßt. Nicht aufgrund eines Entschlusses des Einzelnen oder einer Übereinkunft Mehrerer, sondern durch die wirkmächtige Sammlungsbewegung Gottes wird die Gemeinde gebildet und lebendig. Das geschieht ganz praktisch an einem Ort, dem Kirchbau. Das universale Heilsangebot Gottes an alle Menschen, das für den einzelnen abstrakt und unerreichbar bliebe, wird für den einzelnen erfahrbar und erlebbar im Leben einer konkreten Pfarrei und nicht etwa an ihr vorbei oder ohne sie. Die Sammlung aus der Zerstreuung und die Eingliederung in die Gemeinschaft der Glaubenden ist und bleibt Gottes Werk allein. Wenn wir in diesem Jahr das 100-jährige Bestehen unserer Kirche begehen wollen, kann das nur sinnvoll geschehen als anerkennender Lobpreis und Dank an Gott, daß er nicht aufgehört hat, sich in Zehlendorf eine Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern zu versammeln. Von hier erhält das Kirchengebäude seine besondere Würde: zum einen wurde es Gott in der Weihe ganz übereignet, zum anderen ist es der konkrete Ort in einer von Zerstreuung zerfurchten Welt, an dem Gott diejenigen zusammenruft, die er in seinem Haus versammeln möchte.
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