Am vergangenen Samstag feierte der Berliner Weihbischof Wolfgang Weider ein Pontifikalamt in Konzelebration anläßlich des 100jährigen Kirchweihjubiläums von Herz Jesu. Unter den Gästen in der vollbesetzten Kirche fanden sich auch Bischof Jobst Schöne von Evangelisch-Lutherischen Kirche, Superintendent Harald Sommer von der Evangelischen Landeskirche und Bezirksbürgermeister Norbert Kopp. Unter der Leitung von Kirchenmusiker Johannes Kaufhold musizierten Instrumentalisten und Chöre von Herz Jesu und Ss. Eucharistia, Teltow eine Messe von Robert Johann Nepomuk Führer.
Bischof Jobst Schöne, St. Marien
Superintendent Harald Sommer, Paulusgemeinde
Bezirksbürgermeister Norbert Kopp, Steglitz-Zehlendorf
Die Predigt des Weihbischofs im Wortlaut:
Vor einiger Zeit ging eine erstaunliche Meldung durch die Medien. In einem Ort war die Kirche baufällig geworden und sollte abgerissen werden, weil die Mittel zur Sanierung nicht ausreichten. Unerwartet gab es daraufhin Proteste von allen Seiten der Ortsbewohner, gleich ob Christen jedweder Konfession oder Nichtchristen. Alle kämpften für den Erhalt ihrer Kirche. Die Kirche gab dem Ort die Seele. Sie war das Zeichen einer gewissen Geborgenheit. Ohne Kirche wollten die Leute nicht sein. Sie war gleichsam die letzte Brücke zu Gott.
So ähnlich mussten wohl auch die Machthaber im damals kommunistischen Ostdeutschland gedacht haben, als sie in Stalinstadt, dem späteren Eisenhüttenstadt, keinen Kirchbau zuließen. Und als dann doch eine kleine Kirche errichtet wurde, wurde sie von unbekannter Hand angezündet.
Eine Kirche ist ein ständiger Hinweis auf die Nähe und das Wirken Gottes in unserer Welt. Wenn wir uns heute, genau auf den Tag, an die Weihe der Herz-Jesu-Kirche vor 100 Jahren hier in Zehlendorf erinnern, feiern wir, dass der dreifaltige Gott in dieser Zeit bei uns Wohnung genommen und uns behütet hat in zwei schrecklichen Kriegen. In vielfältiger Weise hat er an diesem Ort an seinem Volk gehandelt.1. Da ist zunächst die Konsekration durch den damaligen Kardinal Kopp aus Breslau. Dadurch hat Gott von einem bestimmten Ort in dieser Gemeinde Besitz ergriffen. In letzter Zeit wurden die großen Botschaften von Frankreich und den Vereinigten Staaten in Berlin errichtet. Dabei wurde deutlich: Eine Botschaft ist ein exterritorialer Ort in einem Land. Hier gelten andere Gesetze als in allen anderen umliegenden Gebäuden. Das Haus bekommt eine neue Qualität und ist der Regierungsgewalt des Landes, in dem es liegt, entzogen.
So hat Gott in diesem Gotteshaus seine Herrschaft angetreten und hat seine Hand auf alle gelegt, die in ihm Schutz suchen. Sie ist ein Ort der Zuflucht für alle in Not Befindlichen geworden. In den letzten Monaten der DDR hatten sogar in diesem Sinne etliche Bürger, die in die Freiheit des Westens ausreisen wollten, in der Hedwigskathedrale um Kirchenasyl gebeten, das ihnen dann auch tatsächlich nach langen Verhandlungen mit der Auflage äußerster Diskretion gewährt wurde.In einer Kirche beginnt die Herrschaft Gottes in dieser Welt. Darum betet die Liturgie am Kirchweihtag. Wie heilig ist dieser Ort. Hier ist wirklich das Haus Gottes und die Pforte des Himmels. Wer hier ein und ausgeht, ist Bürger einer neuen Welt. Er gehört zu den Mitbürgern der Heiligen und zu den Hausgenossen Gottes. Er zählt als Fremdling in unserer Welt. Er hat Heimatrecht bei Gott. Zugleich ist er aber auch bereits hineingenommen in die Liturgie des Himmels. Die Eucharistiefeier gehört dazu und ist mehr als irgendein Gottesdienst nach unserem Geschmack und unseren Bedürfnissen. Und es ist nicht mehr in unsere Beliebigkeit gestellt, daran teilzunehmen. Die Bürger des neuen himmlischen Jerusalem sind verpflichtet, am Tag der Auferstehung, an dem die neue Welt für unsere Welt begann, das Gott zu geben, was ihm gebührt. Am Sonntag soll sein heiliges Volk an einem von Gott ergriffenen heiligen Ort, dem Gotteshaus, seine Herrschaft in unserer Welt anerkennen, bestätigen und feiern.
2. In der konsekrierten Kirche handelt der auferstandene, erhöhte Christus an seinem Volk, der Kirche. Das Wort Kirche kommt ja von dem griechischen Kyriake, dem Kyrios, dem Herrn, zugehörig. Hier ist der Ort, wo er selbst immer noch seine Frohe Botschaft verkündet. Darum stehen wir zum Evangelium auf, um den verborgenen Christus zu begrüßen und deshalb küsst der Diakon nach der Verlesung das Buch als Zeichen der dankbaren und liebenden Begegnung mit ihm. Hier ruft er sein Volk zusammen – die Glocken erinnern die vielen daran. Hier ermahnt er es zur Umkehr und tröstet es in der Not.
Hier ist auch der Ort seines erlösenden Wirkens in den heiligen Sakramenten durch die Priester, die in seinem Namen handeln durften. 8 Pfarrer und 23 Kapläne waren in den 100 Jahren an dieser Kirche tätig und 5 junge Männer erhielten ihre Berufung zum priesterlichen Dienst. Bei jeder Taufe wurde ein Mensch aufgenommen in das Leben des dreifaltigen Gottes und bei jeder Eucharistiefeier wurden die Gläubigen tiefer eingegliedert in den geheimnisvollen Leib des erhöhten Christus, in die Kirche. Denn beim Kommunionempfang wird ja der Empfangende verwandelt in die empfangene Speise des eucharistischen Herrn.
Diese Kirche steht unter dem Patronat des heiligsten Herzens Jesu als dem Zeichen der erbarmenden und rettenden Liebe des menschgewordenen Gottes. Die Gemeinde hat ganz bewusst diese Verehrung gepflegt – auch durch Wallfahrten nach Paray le Monial in Frankreich, von wo die hl. Margarete Maria Alacoque die Herz-Jesu-Verehung in die Welt getragen hat. In der Berührung mit dem barmherzigen Jesus ist das Volk Gottes immer tiefer in die Heiligkeit hineingewachsen.3. Schließlich ist der Heilige Geist wirksam geworden durch den tätigen Glauben der vielen, die hier gebetet haben. Der lebendige Glaube der Gemeinde ist ja auch ein wichtiges Zeichen der Heiligung dieser Kirche. Dabei denke ich an die vielen, die hier Gottesdienst gefeiert haben; an die stillen Beter, die mit ihrer Not vor dem Marienbild und auch mit ihrer Schuld im Beichtstuhl Zuflucht fanden. Dazu gehören, die Menschen, die sich ansprechen ließen vom Wort der Verkündigung, um zur Umkehr zu kommen; die sich nach gelegentlichen Spannungen aus dem Geist des Evangeliums wieder versöhnt haben oder die bereit waren, konkrete Aufgaben zu übernehmen: Mittun im Gottesdienst, Hilfen beim Zusammenkommen der Gemeinde und auch die verborgenen und doch so wichtigen Dienste beim Schmücken und Säubern der Kirche. Immer war es nicht nur Tun der Menschen, sondern auch zuerst Wirken des Geistes in den Herzen der einzelnen.
4. So feiern wir, dass Gott sein Zelt aufgeschlagen und einen Platz bekommen hat in unserer Mitte. Dabei stellen sich spontan bestimmte Fragen.
Hat Gott auch einen Platz in meinem Leben oder nur im Ortsteil Zehlendorf ? Welche Rolle spielt er in meinem Alltag. Ist die Kirche auch noch Ort der konkreten Anbetung in Stellvertretung für die vielen, die Gott in der Hektik des Alltags an den Rand ihres Lebens gedrängt haben. Es wäre eine schöne Aufgabe, dafür die Kirche offen zu halten und sich Zeit zu nehmen, um dort als Einladende und Betende präsent zu sein.
Ist der Sonntag noch Brücke zu Gott oder dient er mehr unseren Bedürfnissen? Feiern wir Gottesdienste, wann und wie uns danach ist oder wissen wir uns in Treue noch jeden Sonntag als dem Tag der Auferstehung dem Herrn der Kirche, der ja der Herr unseres Lebens ist, in der Mitfeier der hl. Messe verpflichtet?
Seit dem Konzil sagen wir nicht mehr, dass der Priester die Messe liest und das Volk sie mit Andacht hört. Wir feiern alle zusammen Eucharistie: Priester und Gottesvolk; jeder in der Rolle, die ihm aufgrund seines Standes zugewiesen ist als Priester und Diakon aber auch als Lektoren, Cantoren, Ministranten und gläubig Mitfeiernde. Das heißt zugleich, dass es im Leben der Gemeinde eine Fülle von Aufgaben gibt, die sich aus dem Gottesdienst erschließen. Dazu gehören die vielen mit ihren besonderen Gaben, die sichtbar werden beim Planen und Organisieren aber auch die Unsichtbaren, die opfern und beten und die ihr Kreuz täglich geduldig annehmen und versuchen zu tragen.Wir feiern Kirchweih – Gottes heiliges Tun an den Menschen an einem bestimmten Ort dieser Stadt, in unserer Herz-Jesu-Kirche in Zehlendorf. Wir hoffen, dass diese schöne Kirche noch lange bestehen bleibt und sie auch noch nach weiteren 100 Jahren Jubiläum feiern darf als ein Zeichen, dass Gott mit den Menschen lebt. Möge sie auch ein Zeichen bleiben, dass die Menschen mit Gott leben. Darin besteht das Vermächtnis dieses Jubiläumsfestes. Dies müsste an jedem Sonntag spürbar werden, wenn die Kirche wie ein Magnet die Menschen anzieht und die vielen sich auf dem Weg machen, um den zu feiern, der für uns alle Mitte des Lebens sein will. So kann dieses Gotteshaus seine Berufung erfüllen und uns unermüdlich daran erinnern, dass wir alle ein Leben lang auf dem Weg bleiben in die Gemeinschaft und Freude Gottes. Amen.
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